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Geschichte der Ohrakupunktur


Etwa 100 Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde in dem klassischen Lehrbuch der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), dem "Huang Di Nei Jing", in einfachen Zügen der reflektorische Zusammenhang zwischen Ohrmuschel und Körperregionen dargestellt.


Auch die hippokratische Medizin in Griechenland zu Beginn unserer Zeitrechnung berichtete über Kauterisation an der Ohrmuschel bei Lumbalgien.
618-907 n. Chr. wurden in der Tang-Dynastie 20 vordere und hintere Punkte an der Ohrmuschel beschrieben.

Es kam zur Verbreitung der Ohrakupunktur über den Land- und Seeweg nach Asien, Indien und Afrika.


Das Buch "Secrets of Childhood Massage" von Zhou Yufan 1612 gab Beziehungen der Ohrrückseite zu den fünf inneren Organen an.

Der portugiesische Arzt Zaratus Lusitanus veröffentlichte 1637 eine Fallbeschreibung über die Behandlung einer Ischialgie mittels Kauterisation eines Areals an der Ohrmuschel.
Der französische Arzt P. Nogier beobachtete in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bei einigen seiner Patienten, die bei einer Laienbehandlerin wegen Ischialgien behandelt worden waren, dass sie Kauterisationsstellen an bestimmten Zonen im Ohr aufwiesen.


Durch systematische Untersuchungen erarbeitete Nogier eine Reflexkartographie des Ohres: Er verglich die Kontur der Ohrmuschel mit einem auf dem Kopf stehenden Embryo. Er stellte 1956 auf einem Kongress zum ersten Mal seine Erkenntnisse unter dem Begriff der Aurikulotherapie vor.

Der deutsche Arzt Dr. G. Bachmann veröffentlichte diesen Vortrag 1957 in der "Deutschen Zeitschrift der Akupunktur".
In den 60er Jahren gelangten die Erkenntnisse der Aurikulotherapie wieder nach China und wurden dort in die TCM reintegriert und im Sinne einer chinesischen Schule der Ohrakupunktur modifiziert.


Die österreichischen Ärzte Dr. I. Wancura und Dr. G. König entwickelten zusammen mit chinesischen Ärzten ein numerisches System der Punktzuordnung und publizierten dieses in Europa.
Somit wurden in den letzten 40 Jahren parallel ein chinesisches und ein französisches Konzept der Ohrakupunktur entwickelt.
Die Ohrakupunktur wurde in den 70er und 80er Jahren verstärkt wegen ihrer analgesierenden Wirkung in Schmerzpraxen und Kliniken (z. B. von Prof. Dr. Dr. H. F. Herget am Klinikum der Justus-Liebig-Universität in Giessen), bei Operationen und bei ambulanten Patienten eingesetzt.


In den letzten Jahrzehnten wurde die Ohrakupunktur in ihrer Bedeutung und Vielfältigkeit besonders von dem Münchner Arzt Dr. J. M. Gleditsch ausgebaut. Er versuchte die verschiedenen Schulen zusammenzuführen und die Ohrakupunktur im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die Naturheilkunde zu integrieren.

Anwendungsbereiche

Die Ohrakupunktur kann bei einer Vielzahl von Störungen alleine oder in Kombination mit anderen Therapieverfahren angewendet werden. Besonders gut lassen sich beispielsweise akute Schmerzsyndrome wie z. B. Lumbalgien, Ischialgie und Cephalgie (Migräne) behandeln.

Prinzipiell gilt:
Akupunktur heilt, was gestört ist. Akupunktur heilt nicht, was zerstört ist."

Mechanismen und Wirkungsweise der Ohrakupunktur

Klinische Behandlungsergebnisse der Ohrakupunktur geben Hinweise darüber, dass das Ohr reflektorisch wirkt.

Die Ohrmuschel wird von diesen drei großen Nerven durchzogen:
Trigeniusnerv
Vagusnerv
Pleseus-cervicalis supervicalis.

Die Kerne dieser Nerven liegen im verlängerten Rückenmark und sind mit der dort befindlichen Fomatio reticularis verknüpft.

Sie ist die entscheidende Schaltstelle zwischen dem Gehirn und dem Körper.
Durch Reizung bestimmter Punkte in der Ohrmuschel werden Signale auf extrem kurzem Weg über der Formatio reticularis zum Gehirn oder zu Erfolgsorganen im Körper weitergeleitet.

Somit wirken bestimmte Areale der Ohrmuschel gezielt auf Körperregionen, Körperteile sowie auf Organe.

Durchführung

Anatomisch orientierte Ohrakupunktur

Darunter ist das Stecken von Punkten auf der Ohrmuschel, die mit einem Organ oder Körperteil reflexmäßig korrespondieren, zu verstehen.

Hiermit werden Beschwerden im Bereich eines Organs oder Körperteils behandelt.

 

Funktionell orientierte Ohrakupunktur

Darunter ist die Beziehung eines Punktes zum Symptom ohne Bezug auf den Körper zu verstehen, der psychische Symptomenkomplex ist dabei in diesem Begriff involviert.

Beide Theorien (Anatomie und Funktion) lassen sich in der Ohrakupunktur erfolgreich umsetzen und sind -im Grunde genommen- so wie Körper und Seele, untrennbar.

In China werden auch die seelisch bedingten Störungen wie z. B. das Grübeln oder Depression, nach der TCM über somatotopie bezogenen Punkte, nämlich Punkt der Niere, des Milz-Pankreas und der Lunge, behandelt.

Die lokalisierten Punkte in der Ohrmuschel haben einen Durchmesser von 0,2 - 1 mm.

 

Indikationen der Ohrakupunktur


Schmerzzustände des Bewegungsapparates wie z. B.:

- Neuralgien
- Myalgie
- Lumbalgien
- Ischialgien
- Wirbelsäulensyndrome
- Rheumatische Beschwerden
- Akute Traumen nach einem Unfall oder Sturz
- Zahnschmerzen
- Kopfschmerzen und Migräne
- Psychosomatische Erkrankungen
- Psychovegetative Störungen


Funktionelle, reversible "innere" Erkrankungen wie z. B. :

- Erkrankungen des Verdauungstraktes
- Urogenitale Erkrankungen


Ergänzende Therapiemaßnahme bei:

- Allergischen Erkrankungen


Suchtbehandlung wie z. B. bei:

- Nikotin-, Drogen-, und Esssucht hat sich die Ohrakupunktur bewährt.


Kontraindikationen:

- Schwangerschaft
- Schwere Infektionskrankheiten
- Entzündung im Punktionsgebiet
- Schmerzen mit Operationsindikation
- Patienten die mit Macumar (zur Blutverflüssigung) behandelt werden


Behandlungsdauer und Behandlungsfrequenz

Behandlungsdauer und -intervalle richten sich im allgemeinen nach der Konstitution und der Art der Erkrankung (akut/chronisch).


Behandlungsdauer

In der Regel werden die Nadeln 15-45 Minuten belassen.
Bei geschwächten oder älteren Patienten erfolgen kürzere Behandlungszeiten (5-15 Minuten).


Behandlungsintervalle

Akute Erkrankungen erfordern häufig 2-4 Behandlungen pro Woche.
- Chronische Erkrankungen werden einmal wöchentlich oder alle zwei Wochen behandelt.


Behandlungsserien

- Sinnvoll sind Behandlungsserien von 6-10 Behandlungen. Häufig tritt nach 3-6 Behandlungen eine Besserung der Beschwerden auf.
- Die Abstände können dann bis zur Stabilisierung des Behandlungsergebnisses auf eine Behandlung pro Woche oder alle 14 Tage verlängert werden.
- Nach erzielter Beschwerdefreiheit werden noch 2-3 Behandlungen durchgeführt.
- Bei Wiederauftreten von Beschwerden oder chronischen Erkrankungen sind in regelmäßigen Abständen erneute Behandlungsserien möglich.